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Hart of Dixie auf Italienisch…nur besser

17. Oktober 2017

Willkommen in Sorso!

Da gibt es diese eine amerikanische Fernsehserie namens Hart of Dixie, in der die Protagonisten neben viel Herzschmerz kontinuierlich damit beschäftigt sind ausgiebige Feste in ihrer malerischen Kleinstadt Bluebell zu feiern. So herrlich es ist, sich Hart of Dixie anzuschauen, völlig abzuschalten und in eine heile Welt einzutauchen, so unrealistisch kommt dem Zuschauer das ganze Szenario vor. Man weiß es, so eine Stadt kann es gar nicht geben! Und dann entschließt man sich nach Sardinien zu reisen und wird eines Besseren belehrt, nein eines viel Besseren! Die Stadt heißt zwar nicht Bluebell sondern Sorso, kann aber in den Sommermonaten was das Feiern betrifft, nicht nur mit Bluebell mithalten, sondern es auch noch locker übertreffen. Wir befinden uns im Norden Sardiniens, die Costa Smeralda mit ihren prachtvollen Stränden, luxuriösen Villen und der High Society liegt hinter uns und ein Stück magischer Sommer vor uns. In der Nähe der zweitgrößten Stadt Sardiniens Sassari findet man das kleine Städtchen Sorso mit seinen 14000 Einwohnern. In unmittelbarer Nähe vom schillernden Meer des Golfs von Asinara, inmitten von Weinbergen und Olivenhainen gelegen, verspricht die geschichtsträchtige Stadt Sorso mit ihrer prachtvollen und fruchtbaren Landschaft einen perfekten italienischen Sommer oder besser ausgedrückt, einen perfekten sardischen Sommer. Denn die Sarden sehen sich eigentlich nicht als Italiener. Aber dazu später. Sorso mit seinen vielen kleinen Bars und Cafés ist gemütlich aber alles andere als verschlafen. Denn bei gutem Kaffee oder Espresso gibt es viel zu erzählen, deswegen trifft man sich gerne zu einem Plausch, der gerne auch gelegentlich mal bis in tief in die Nacht oder bis in den nächsten Morgen dauern kann.

Sorso ist nur ab Mittag ruhig und wirkt wie ausgestorben, wenn die Sommerhitze ihren Höhepunkt erreicht hat aber den Rest des Tages und der Nacht ist es laut, quirlig und lebendig. Jung und Alt trifft sich, lacht, diskutiert und gestikuliert vor allem. Ja man fühlt sich wie in einen Film hineinversetzt, der kein einziges Klischee über das italienische Lebensgefühl auslässt. Nur mit dem Unterschied, dass es sich noch viel schöner anfühlt, weil es echt ist.  Fast jeden Tag wird etwas gefeiert: Sei es die Melanzana (Italienisch für Aubergine), das Fest der Bibliothek, der heilige San Pantaleo oder einfach grandiose Tanzaufführungen der ortsansässigen Tanzschule. Es gibt immer etwas zu feiern. Und das Feiern wird dort sehr groß geschrieben. Ein Fest ist bis ins Detail organisiert und von den Erwachsenen bis zu den Kindern wird jeder miteingespannt. Riesige Zuckerwattewolken, wie wir sie bisher noch nie gesehen haben, gehören genauso dazu wie die Familienpizza, die auf dem Roller transportiert und kollegial untereinander verteilt wird.

    

Und wenn man gerade denkt, dass es nicht noch besser werden kann, dann landet man in einem Palazzo der etwas anderen aber besonderen Art. Genächtigt und gefrühstückt haben wir in einem Bed and Breakfast, das man wirklich als absolute Ausnahmeunterkunft bezeichnen kann. Das „Bed and Breakfast Piazza San Pantaleo“ liegt im Herzen Sorsos, direkt an der berühmten Kirche San Pantaleo. Auch wenn ich bisher Zeitreisen für unmöglich oder höchstens für den perfekten Stoff aus dem Science Fiction Romane gemacht sind, gehalten habe, weiß ich nun, dass es sie tatsächlich gibt, denn sobald man das Jugendstilhaus betritt, fühlt man sich augenblicklich in eine andere Zeit zurückversetzt. Das ist pure Magie aber auch vor allem die individuelle Einrichtung. Die Räume versprühen den Charme der frühen zwanziger Jahre, sind jedoch sowohl restauriert als auch renoviert. Bis ins kleinste Detail gleicht das Interieur Design einem einzigartigen Kunstwerk. Trotzdem verspürt man als Gast keine Berührungsängste und fühlt sich nicht wie in einem Museum, ganz im Gegenteil, man taucht in eine längst vergangene Ära ein und lässt sie noch einmal aufleben. Betrieben wird das Bed and Breakfast vom sympathischen und unglaublich freundlichen Ehepaar Christina und Giovanni.

Sie zaubern jeden Morgen ein traumhaftes Frühstück, das man entspannt über den Dächern Sorsos genießen kann. Von selbstgebackenem Kuchen über frische Früchte und leckeren Käse ist alles dabei, was man für einen gelungenen Start in einen Urlaubstag braucht. Außerdem geben sie ihren Gästen gerne Insidertipps zu Sehenswürdigkeiten, die man als ahnungsloserer Touri nicht so einfach finden würde und die auf jeden Fall einen Besuch wert sind. Auf unserem Roadtrip haben wir schnell festgestellt, dass die Uhren auf Sardinien anders ticken oder einfach mal vergessen werden können. Und das tut richtig gut!

Und was uns noch aufgefallen ist, ist die sardische Flagge, die gerne, ob auf Sonnenschirmen oder Strandtüchern, präsentiert wird. Wie bereits erwähnt, sehen sich die Sarden nicht als Italiener. Eine gewisse Autonomie möchten die Sarden unbedingt bewahren. Dies spiegelt sich in vielen Konversationen mit Einheimischen wider aber auch beispielsweise in der sardischen Sprache, bei der es sich um keinen italienischen Dialekt handelt, sondern um eine eigenständige Sprache, die von über 80% der sardischen Bevölkerung gesprochen wird, aber dennoch nicht als Amtssprache gilt. Lange Zeit war Sardinien vom italienischen Festland abgeschnitten. In den 1960’er Jahren gab es nicht viele Fähren zum Festland und die Überfahrten waren äußerst mühselig und nicht angenehm. Ein Großteil der ursprünglichen Dörfer Sardiniens war sehr arm. „Vor 45 Jahren haben viele Kinder auf der Straße ohne Schuhe spielen müssen, nicht weil sie gerne barfuß gelaufen sind, sondern weil sie schlichtweg so arm waren, dass sie keine Schuhe besaßen“, erzählt uns Giovanni über Sassari. Auch heutzutage hat die Insel zwar mit Problemen zu kämpfen, erfreut sich aber einem stetig wachsenden Tourismus. Wir erleben Sardinien warm, gastfreundlich, farbenfroh, karg, an manchen Orten verlassen, an anderen wieder lebendig, laut und völlig still und einfach wunderschön. Gerade diese Kontraste machen das Flair dieser faszinierenden Insel aus.

Es ist diese Einfachheit, die sich für uns wie Luxus anfühlt: der Spaziergang am Abend, wenn man frische Feigen direkt vom Baum pflücken kann, das Treffen von Groß und Klein an der Promenade von Marina di Sorso, von der aus man gemeinsam auf das Meer blickt und es ist der streunende, harmlose Schäferhund mit dem traurigen Gesichtsausdruck. Bilder, die nur das Leben malen kann. In den kleinen Städten der Insel werden keine Avocados verkauft oder Obstmischungen, die sich Superfood titulieren. Es gibt landestypisches Obst und Gemüse, frischen Fisch, Fleisch vom Metzger und Käse. Die Auswahl ist überschaubar aber bei der Zubereitung der Speisen sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Erinnerungen an die besonders schweren Zeiten der Insel führen zu der fast rituellen Grundhaltung zu Essen. Und die kollektive Begeisterung für spezielles Gemüse und Obst, seien es beispielsweise die kleinen stacheligen Artischocken oder die Kakteenfrüchte, ist tatsächlich ansteckend. Was gibt es Schöneres als die einfachen aber elementaren Dinge des Lebens mit einem vollmundigen Wein bei pittoresker Aussicht auf Castel Sardo oder einer der vielen paradiesischen Buchten zu feiern? Denn nicht zu Unrecht wird Sardinien als Karibik Europas bezeichnet. Hier trifft karibische Stimmung auf eine einzigartige mediterrane Lebensweise voller Geschichte und Tradition. Aber die Geschichte der Insel ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Jedes neue Jahr bringt neue Abenteuer, Wandel und den ein oder anderen neuen begeisterten Urlauber, der zwar irgendwann zurückreisen wird, aber einen Teil seines Herzens an Sardinien verliert. Denn Sardinien löst ein Fernweh aus, das sich wie Zuhause anfühlt. Ich habe endlich mein Bluebell gefunden, nicht das auf dem Bildschirm, sondern ein Echtes und noch viel Besseres.

    1. Vielen herzlichen Dank liebe Alice 🙂
      Es freut mich, wenn mein Artikel dir Lust auf Sardinien gemacht hat. Sardinien ist wirklich ein ganz besonderer Fleck Erde und es gibt dort so viel zu sehen und zu erkunden. Ich kann jedem nur empfehlen, auf diese einzigartige Insel zu reisen 🙂

      Liebe Grüße,
      Lina

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