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Das geheime Leben der Riesenräder

20. Oktober 2017

“Möchten Sie, dass ich Ihnen die Zukunft vorhersage?” fragt mich eine raue und zugleich samtige Stimme. Die schrullige ältere Dame winkt mich zu ihrer bunten Holzbude rüber. “Kommen Sie, kommen Sie. Sie sehen verwirrt aus. Haben Sie sich verlaufen?”

Sie hat gar nicht so Unrecht, denke ich mir. Ich habe mich verlaufen, mich verirrt. Irgendwie.
“Wie komme ich denn am besten zum Riesenrad? Ich habe nicht viel Zeit.”
“Alle Wege führen zum Riesenrad” antwortet sie mir. “Man muss sie aber schon gehen, sonst kommt man nicht an.” Ihre Antwort ist mir keine große Hilfe und trifft mich irgendwie mitten ins Herz.
“Wieso so eilig? Möchten Sie Ihre Zukunft nicht erfahren? Ich kann sie aus ihren Händen lesen.”

“Vielleicht später”,  entgegne ich ihr und laufe in eiligen Schritten vorbei, so schnell, dass alle Farben und Lichter zu einem Regenbogenschweif im Winkel meiner Augen werden. Das Angebot ist verlockend. Zu wissen was passieren wird. Die Zukunft. Wie keine andere Zeit ist sie so vertraut, abstrakt und ungewiss. Beginnt mit jedem Schritt, mit jedem neuen Atemzug und jeder Entscheidung. Und mit jeder Wahl, kann sie sich verändern oder sogar enden.
Aussteller locken und rufen. Jahrmarkt der Kuriositäten. “50 Lose für den halben Preis!” “Schlagt zu und holt euch den Hauptpreis!” Klingt verführerisch aber eins habe ich gelernt: Das Glück macht keine halben Sachen.
Es riecht verlockend nach gebrannten Mandeln, Zuckerwatte und gerösteten Kastanien. Das Kettenkarussell, der Breakdancer, die Autoskooter, die Menschen: Alles dreht sich, ist in Bewegung und kommt doch nicht voran. Ein Meer aus Lichtern, Glanz und riesigen Plüschbären, umschlungen von kleinen Händen. Ein Schuss, zwei Stoffrosen. Und ich mittendrin. Bis ich endlich davor stehe.

Majestätisch, kitschig bunt und verlassen ragt es hoch über meinem Kopf, wo der Wind durch die Gondeln bläst und eine seltsame Melodie dabei komponiert. Das Lied vergangener Sommer und vergessener Versprechen. Ich sehe mich schon an die Kasse laufen und mit den bunten Chips zwischen den Fingern in die Gondel steigen, einen Fuß vor den anderen. Und du hältst meine Hand. Das Riesenrad beginnt sich zu drehen und die Welt wird immer kleiner, unschärfer bis sie gänzlich verschwimmt und nur unsere Konturen übrig bleiben. Und Ich sehe mich durch deine Augen. Wie ich lache. Der Wind weht Strähnen und Erinnerungen in mein Gesicht. Doch die Brise wird augenblicklich kühl und ich merke wie der Sommer wie Sand zwischen den Fingerkuppen zerrinnt und sich in goldene Blätter verwandelt.

Und ich merke wie ich mich vorsichtig in meinen Mantel einkuschle, als ich das Holzschild an der Kasse lese: “Außer Betrieb”.
Nur noch dieses leise und traurige Geräusch der Gondeln ist zu hören, wie sie im Wind hin und her schaukeln. Ein seltsamer metallischer Klang, ähnlich  wie man es ihn an Bahnhöfen und Flughäfen bei Abschieden vernimmt. Die unausweichliche Symphonie des Abschieds. Ein Teil von mir sitzt immer noch in der Gondel und schaut auf mich hinunter. Aber ich muss nicht mehr schweben um zu leben. Ich muss nicht mehr fliegen, um zu lieben. Ich bin gerne mit beiden Füßen auf dem Boden. “Ja schau ruhig auf mich hinunter!” Aber ich kann den Himmel nur noch anlächeln.
So langsam wird es dunkel. Ich suche nicht mehr wie eine Getriebene, stattdessen spaziere ich über den Jahrmarkt und lasse die inszenierte aber auch reale Fröhlichkeit der Menschen auf mich wirken. Inszenierungen des Glücks. Denn dazwischen ist sie echt. Die Freude. Da taucht wieder die bunt verzierte Holzbude auf. Große Muscheln schmücken das Rot und Gold lackierte Holz. Die Wahrsagerin lugt aus ihrem kleinen Fenster raus während sie an einem Zigarettenstummel  saugt.
“Da bist du ja. Na wie sieht’s aus. Bist du jetzt bereit für die Zukunft?”
“Ja”, sage ich entschlossen und mache mich gleichzeitiger auf den Weg nach Hause. Die Frau ist sichtlich irritiert.
“Aber dann lass sie mir dir doch vorhersagen.” Ruft sie mir noch hinterher. Ich lächle sie so an wie du mich einst angelächelt hast. Verdutzt schaut sie mich an.

Die Zukunft.
Ich muss sie nicht kennen, um an sie zu glauben, solange ich nur mein Bestes im Hier und Jetzt gebe, dann wird alles geschehen.
Bevor ich mich umdrehe, lächelt die alte Frau zurück.
“Verstehe”, murmelt sie und winkt mir zum Abschied. Auf Wiedersehen Riesenrad. Die Aussicht war wunderschön doch ich kann mich nicht länger im Kreis drehen.

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